Zögling des 'Israelitischen Waisenhauses' in Esslingen (1937)

Im Dezember 1937, kurz nach meinem 11. Geburtstag, schickten mich meine Eltern in das »Israelitische Waisenhaus mit Erziehungsanstalt« in Esslingen am Neckar. Zuerst empfand ich diese Verbannung als einen Schock; aber sehr bald fühlte ich mich dort wohl und wie befreit. Das Internat war um 1830 als Waisenhaus gegründet worden. 1899 hatte der damals fünfundzwanzigjährige Theodor Rothschild die Leitung übernommen, die er bis zur Auflösung der Schule durch die Nazis 1939 beibehielt. Sein Versuch, die Schule nach Amerika zu verlegen, scheiterte, und er kam 1942 in Theresienstadt um. Die wenigsten der Pfleglinge - ungefähr sechzig Jungen und zwanzig Mädchen - waren Waisen, einige galten als schwer erziehbar, worunter man mich wohl auch rechnete. Etliche Kinder kamen aus kleineren Ortschaften Württembergs, wo sie die Schule nicht mehr besuchen konnten. Bei anderen waren die Eltern bereits emigriert oder standen im Begriff, dies zu tun, und wollten ihre Kinder nachkommen lassen. Trotz ihres Namens war die Schule viel offener und schülerfreundlicher organisiert als die Talmud-Tora in Hamburg oder die Volksschule in der Knauerstraße. Den Rohrstock, der in der Knauerstraße mit dem Ende der Weimarer Republik wieder eingeführt worden war, oder die Ohrfeigen, die in der Talmud-Tora verteilt wurden, gab es in Esslingen nicht. Die zwei Lehrer und die Lehrerin waren sämtlich unter dreißig, sportlich - die Lehrerin war deutsch-jüdische Tischtennismeisterin - und hatten ein noch weit besseres Verhältnis zu den Schülern als Herr Pohle, der stets auf strenger Disziplin bestanden hatte. Die Lehrkräfte wohnten mit uns im selben Haus, wie auch Herr Rothschild, der allerdings bei den Mahlzeiten an einem separaten Tisch saß, besser verpflegt und allgemein als Respektsperson behandelt wurde. Die Schule war in einem sehr schönen Gebäude auf dem Berg gleich oberhalb der Burg untergebracht. Der Unterricht war stärker praxisorientiert als in der Realschulabteilung der Talmud-Tora-Schule in Hamburg. Die schulischen Ansprüche insgesamt waren allerdings niedriger, so dass ich bald von der sechsten Klasse, die ich in Hamburg besucht hatte, in die siebte versetzt wurde. Viele Heimschüler stammten aus ärmeren Familien, die nicht unbedingt darauf aus waren, ihre Kinder das Abitur machen zu lassen. Während meiner Zeit in Esslingen zielte der Unterricht darauf ab, die Kinder auf die Emigration vorzubereiten, wobei die Vermittlung handwerklicher und landwirtschaftlicher Kenntnisse im Vordergrund stand. Besonders unter Zionisten herrschte damals die Auffassung vor, Juden in der Diaspora hätten zu lange vorwiegend kaufmännische und intellektuelle Berufe ausgeübt. Diese negative Einschätzung traditioneller und besonders intellektueller jüdischer Berufstätigkeit erwies sich in der Emigration und später auch in Israel als falsch, wo in zunehmend technisierten Gesellschaften ein hoher Grad an Ausbildung erforderlich war.

Auch in Esslingen war viel vom romantischen Geist der Jugendbewegung spürbar. Sport spielte eine wichtige Rolle. Wir durchwanderten mit den Lehrern die schwäbische Landschaft und sangen hebräische Pionierlieder. Unser Heim wurde orthodox geführt, und das hieß damals, dass es kaum Fleisch zu essen gab. Jeden Morgen und Abend sowie vor und nach dem Essen wurde gebetet. Verpflegung und Unterkunft waren spartanisch, aber das hat mich nicht gestört.

Quelle: Zwei Seiten der Geschichte, S. 63 f – Georg Iggers

Katalog-Nr.: T0113