Multiperspektivität

Multiperspektivität ist ein Prinzip der Geschichtsdidaktik für die Planung und Durchführung von Geschichtsunterricht. Es wird auch in anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern angewandt, besonders in der Politikdidaktik bzw. der Politischen Bildung.

Das Prinzip basiert auf der grundlegenden geschichtstheoretischen Einsicht, dass eine beobachterunabhängige Erkenntnis der vergangenen Wirklichkeit (“der Vergangenheit”) nicht möglich ist, weil jede Aussage über ein Ereignis, ein Datum oder einen Zusammenhang nur von einer bestimmten sozialen, kulturellen oder anderweitig bestimmten Perspektive aus gemacht werden kann. Dies gilt jedoch nicht nur für Aussagen über eine Vergangenheit, also Narrationen im geschichtswissenschaftlichen Sinne, sondern auch bereits für Aussagen der Zeitgenossen des jeweils zu betrachtenden Ereignisses - bereits die Quellen sind also grundsätzlich perspektivisch.

Aus dieser grundlegenden Einsicht ist in der Geschichtsdidaktik, die nicht mehr die Vermittlung einer vermeintlich unabhängigen Wahrheit über die Geschichte an die Schüler/-innen zum Ziel des Geschichtsunterrichts erhoben hat, sondern die Befähigung zum eigenständigen historischen Denken und die Ermöglichung einer selbstständigen und verantwortlichen Ausbildung einer historischen Identität, die Forderungen erhoben worden, dass

  • die Einsicht in die Tatsache der nicht aufhebbaren Perspektivität und somit Selektivität aller historischen Aussagen selbst ein wichtiges Lernziel darstellt,
  • der jeweilige historische Gegenstand (das Ereignis, das Problem, der Zusammenhang) den Schülern nicht nur durch Materialien präsentiert werden darf, die nur eine einzige Perspektive repräsentieren, sondern dass möglichst alle, mindestens aber mehrere relevante Perspektiven vorkommen müssen (“Multiperspektivität”);
  • die Schüler somit die Möglichkeit erhalten sollen, die verschiedenen Sichtweisen auch als plurale Angebote für eine eigenständige Identifikation zu reflektieren.

Der Begriff “Multiperspektivität” wird dabei in einer weiteren und einer engeren Variante gebraucht:

  • in der weiteren Variante umfasst er die Forderung nach Repräsentation möglichst aller relevanten Perspektiven auf den Gegenstand insgesamt;
  • in der engeren Variante meint “Multiperspektivität” allein die Kombination von Quellen aus verschiedenen Perspektiven, wogegen bei der Kombination von späteren Deutungen aus verschiedenen Perspektiven späterer Zeiten (also in der Zusammenstellung von Literatur) von “Kontroversität” gesprochen wird, und die Offenhaltung verschiedener Gegenwartsbezüge und Orientierungen aus der Reflexion der Geschichte als “Pluralität” bezeichnet wird (B. v.Borries).