NAACP Member

Meine Rolle bei der Öffnung der Bibliothek sprach sich herum. Einige Wochen später erhielt ich eine Einladung von der Ortsgruppe der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) zu einem Gespräch. Die NAACP war die größte und älteste amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Sie war 1909 von Weißen und Schwarzen gegründet worden, um die Rassendiskriminierung auf legalem Weg zu bekämpfen. Ihr bedeutendster theoretischer Kopf war der schwarze Soziologe W. E. B. DuBois. Im Gegensatz zu Booker T. Washington (1856-1915) im späten neunzehnten Jahrhundert forderte DuBois (1868-1963) die volle Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung. Auf nationaler Ebene und in den größeren Städten im Norden spielten Weiße eine wichtige Rolle in der NAACP; die Mitglieder im Süden, wo sich sehr rasch in fast allen größeren und kleineren Ortschaften Gruppen bildeten, waren hingegen fast ausschließlich schwarz. Der Grund dafür war nicht, dass Schwarze Weiße ablehnten, sondern dass Weiße nicht das Risiko eingehen wollten, mit einer Bürgerrechtsbewegung identifiziert zu werden, die die Gleichberechtigung der Schwarzen vertrat.

Der Zweck des Gesprächs war, mir anzubieten, Mitglied des Vorstandes (executive committee) der Little Rocker Ortsgruppe zu werden. Ich akzeptierte dieses Angebot sofort und wurde damit der erste Weiße im Vorstand. Obwohl die NAACP nach ihren Erfolgen in den Prozessen gegen die Rassentrennung von ihren weißen Gegnern im Süden als radikal und revolutionär verteufelt wurde, verfolgte sie durchaus gemäßigte Ziele. Sie strebte nicht etwa die revolutionäre Umgestaltung der amerikanischen Gesellschaft an, sondern die volle Integration der schwarzen Bevölkerung in dieselbe. Sie unternahm es, die Rechte der ethnischen Minderheiten auf Grundlage der Verfassung vor den Gerichten einzuklagen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war sie in den meisten von ihr angestrengten Prozessen erfolgreich. Die aktiven Mitglieder der Little Rocker Ortsgruppe kamen fast alle aus der schwarzen Mittelklasse, die allerdings eine andere ökonomische Basis hatte als die weiße. Obwohl viele im Vergleich zu den Weißen in bescheidenen Verhältnissen lebten, waren nur wenige wirklich arm oder arbeitslos. Einige waren selbstständige Handwerker, andere etwa Postangestellte. Es waren auch einige wenige Pastoren, Anwälte, Ärzte und Zahnärzte unter den Mitgliedern. Lehrer und Lehrerinnen fehlten, weil diese mit Repressalien durch die Schulbehörde zu rechnen hatten. Andere Mitglieder der schwarzen Mittelklasse, darunter auch die meisten meiner Kollegen am Philander Smith College, wollten mit der NAACP nichts zu tun haben, weil sie sich ihrer Positionen in der rassisch getrennten Gesellschaft sicherer fühlten.

Quelle: Zwei Seiten der Geschichte, S. 106 f – Georg Iggers