Berührung Wilmas mit dem Zionismus

Der Zionismus leuchtete mir ein; ich sah ihn als Bemühung um eine Heimstätte für Juden, die anderswo unerwünscht waren und einen absolut anständigen, gerechten Staat gründen wollten, frei von all dem Unnatürlichen, das Großstädte mit ihren Industriegebieten mit sich bringen. Alle Bilder, die man von Palästina sah, zeigten braungebrannte, gesunde Menschen ohne Krawatten und in Sandalen. Männer und Frauen arbeiteten gemeinsam. Dass Araber, falls dort welche lebten, voll und ganz dazugehörten, war mir auch selbstverständlich.

Ein jüdisches Mädchen aus Teinitz, die Kahler-Gretl, war die einzige, von der ich wusste, dass sie - sehr gegen die Wünsche ihrer Eltern - um 1930 nach Palästina gegangen war und in einem Kibbuz lebte. Ich lernte sie und ihre zwei kleinen Töchter, die nur Hebräisch sprachen, bei ihrem einzigen Besuch in Teinitz kennen, und wir korrespondierten dann noch bis zu unserer Auswanderung.

In dieser Zeit freundete ich mich mit Hans Stein an, einem jungen Wiener, der bei uns die Landwirtschaft erlernen und dann nach Palästina gehen wollte. Er hatte gerade maturiert und wurde bei Onkel Leo in Blisowa Adjunkt. Es war eine Freundschaft, und sie blieb bestehen, auch nachdem Hans zu Onkel Alois nach Wackowitz geschickt wurde - meiner Mutter war es wohl nicht geheuer gewesen, dass Hans und ich zusammen Freud lasen. Wir korrespondierten noch, als ich längst in Kanada war und er auf der holländischen Insel Texel Schafe hütete. Hans heiratete dort eine rumänische Zionistin. Sie und ihr gemeinsames Kind überlebten, aber Hans starb kurz vor Kriegsende in einem Konzentrationslager in Polen an Tuberkulose. Durch Hans habe ich eine Vorstellung von hebräischen Dichtern wie Rachel und Bialik bekommen.

Meine Gedanken über Palästina, wenn man sie so nennen kann, waren äußerst vage. 1938, als die Auswanderungspläne unserer »Kompanie« immer konkreter wurden, sträubte ich mich, nach Kanada zu gehen. Aus Solidarität mit den Tschechen zu bleiben, egal wie die Sudetenkrise gelöst werden würde, schien mir plausibel. Nach Palästina auszuwandern eventuell auch, aber zu Kanada hatte ich keine »innere Beziehung«, und bevor ich nicht die Matura gemacht hatte, wollte ich schon gar nicht weg. Also sträubte ich mich. Aber um ganz ehrlich zu sein: Gegen den Willen meines Vaters wäre ich nicht in Böhmen geblieben.

Quelle: Zwei Seiten der Geschichte, S. 30 f – Wilma Iggers