Mythen der Nationen

Seit 1999 arbeite ich - sicher mehr als nötig - an einem für 2003 geplanten Projekt für das Deutsche Historische Museum in Berlin. Es handelt sich um die Fortsetzung der Ausstellung »Mythen der Nationen« von 1998. Meine Aufgabe ist es, in Texten und Bildern zu zeigen, wie sich die Tschechen an ihre nationalen Traumata zwischen Masaryks Tod 1937 und den Schauprozessen von 1952 erinnerten und erinnern. Zu den wichtigsten Themen gehören die deutsche Besatzung von 1939 an, Widerstand und Kollaboration, die Vertreibung der Deutschen und der kommunistische Staatsstreich von 1948. Im Vergleich mit Deutschland, Polen und Israel spielen Krieg und Holocaust bei den Tschechen eine geringere Rolle. Die Machtübernahme durch die einheimischen Kommunisten wurde schon während des Kriegs geplant und machte sich gleich von 1945 an bemerkbar. Der Kommunismus wurde dem Land nicht von außen aufgezwungen. Viele von Präsident Edvard Beneš' Äußerungen, auch schon aus der Kriegszeit, laufen auf eine Unterstützung der kommunistischen Unterwanderer hinaus, wenn auch anzunehmen ist, dass er sich den Totalitarismus, der sich ab 1948 Bahn brach, so nicht vorgestellt hatte.

Vielleicht kann man etwas, was man selbst mit bewirkt hat, nicht als Trauma bezeichnen, wohl aber den Effekt solcher Handlungen, und das trifft für die Vertreibung der Sudetendeutschen zu. In der offiziellen Literatur wurde dieses Thema über vierzig Jahre nur selten erwähnt. In der Exil- und Samisdat-Literatur gab es jedoch viele lebhafte Diskussionen darüber, wobei die Schäden, die dadurch dem eigenen Land zugefügt worden sind, nicht unbeachtet blieben. Wichtig ist auch, dass weitere Traumata, Schicksalsschläge - wie immer man sie nennen will - wie das stalinistische Regime mit seinen Schauprozessen, die sowjetische Okkupation 1968 und schließlich die Teilung des Landes, die früher erlebten im kollektiven Gedächtnis verblassen ließen.

Mein Interesse an diesem Thema geht weit über die vom Deutschen Historischen Museum festgesetzten Pläne hinaus. Es ist, als hätte ich über Jahrzehnte eine Videokassette besessen und käme erst jetzt dazu, mir ihre Bilder und Inhalte anzuschauen. Damit bin ich noch nicht fertig, aber schon jetzt, im Juli 2002, nehme ich die Ehrenbürgerschaft meiner Heimatstadt Horšovský Týn (Bischofteinitz) dankbar an.

Quelle: Zwei Seiten der Geschichte, S. 304 f – Wilma Iggers. Wilma Iggers hat einen wissenschaftlichen Beitrag unter dem Titel 'Tschechoslowakei/Tschechien. Das verlorene Paradies' im Rahmen der Ausstellung 'Mythen der Nationen' (Berlin, 2004/2005) verfasst. http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/mythen-der-nationen/begleitband_inhaltsverzeichnis.htm