Irmgard Bokemeyer

Im Laufe der Jahre kamen wir immer öfter und für immer längere Zeiten nach Göttingen: im Sabbatjahr 1971/1972 mit Jonathan, 1978/1979 ohne Kinder. Nachdem wir jahrelang Wohnungen, die gerade frei waren, angemietet hatten, verbrachten wir die zwei Sabbatjahre und mehrere Sommer bei Irmgard Bokemeyer in Rauschenwasser. Besonders für mich war Rauschenwasser ein einzigartiges und sehr positives Erlebnis. Irmgard war mit ihren neun Kindern in den fünfziger Jahren aus der DDR gekommen und lehrte in Mariaspring Hauswirtschaft. Mit Hilfe des Lastenausgleichs baute sie in der Nähe des Dorfes Eddigehausen ein großes Haus, wo sie, als ihre erwachsenen Kinder allmählich wegzogen, Studenten, Gastarbeiter und Menschen, die eine Bleibe suchten, unterbrachte. Zeitweise wohnte auch ihre Schwester Margot Kube mit Familie im Haus, zeitweise auch ihr Sohn Michael mit Familie. Sie führte das Haus als eine Art christliche Kommune: Wir hatten dort eine eigene Wohnung, aber man nahm aus der gemeinsamen Speisekammer, was man brauchte, machte für das Haus Besorgungen und Einkäufe in Göttingen, und immer wieder einmal wurde abgerechnet. Dass Irmgard sich aus Jonathans Zimmer ein Sofa holte, als sie es für einen Gast brauchte, war so selbstverständlich, wie dass sie einen von Georgs Kriegsdienstverweigerern mit Frau unterbrachte. Sie tat viel für andere Menschen; erledigte etwa den Schriftverkehr für einen Analphabeten aus der Nachbarschaft oder setzte sich bei der Gemeinde dafür ein, dass Wohnungen für kinderreiche Flüchtlingsfamilien gebaut wurden.

Wir freundeten uns in Göttingen mit vielen sehr unterschiedlichen Leuten an. Da waren zuerst Eltern von Freunden der Kinder, dann Kollegen von der Universität oder vom Max-Planck-Institut für Geschichte, Dagmar und Hannes Friedrich, Schwiegertochter und Sohn von Heide Friedrich, die Familie Justus, von der wir schon erzählt haben, und last not least Irene Schultens und ihr Mann Howard. Letztere sind Amerikaner mit starkem sozialen und Umweltbewusstsein, die vor einigen Jahrzehnten studienhalber nach Göttingen gekommen waren. Irene hat meines Wissens nie eine bezahlte Stelle innegehabt und ist dennoch immer sehr beschäftigt, kümmert sich um hilfsbedürftige alte Menschen, ist bei der Telefonseelsorge tätig und betreut ihre Enkelkinder.

Quelle: Zwei Seiten der Geschichte, S. 287 f – Wilma Iggers