Erster Aufenthalt in Göttingen (1961)

Wir fuhren also Anfang Mai 1961 nach Göttingen, nicht ohne Bedenken, obwohl wir keine konkreten Befürchtungen hatten. Wir wussten von den Schändungen jüdischer Friedhöfe, die 1959 stattgefunden hatten. Wir wussten auch, dass Leute, die wichtige Positionen im Naziregime bekleidet hatten, wie Hans Globke, der die Nürnberger Gesetze kommentiert hatte, und Theodor Oberländer, der unter dem Verdacht stand, an dem Massenmord von Juden mitverantwortlich gewesen zu sein, hohe Funktionen in der Bundesrepublik einnahmen. Globke war von 1953 bis 1963 Adenauers Staatssekretär, Oberländer Minister in Adenauers Kabinett. Andererseits betrachteten wir Adenauer als einen Demokraten, der 1933 als Oberbürgermeister von Köln abgesetzt worden war und in den fünfziger Jahren die Wiedergutmachungsgesetze parlamentarisch durchgesetzt hatte. In vieler Hinsicht waren wir blauäugig. Besonders ich war davon überzeugt, dass die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung Hitler nur unter dem Druck des Terrors gefolgt sei und die Verbrechen der Nazis, insoweit sie von ihnen gewusst hatte, nicht gutgeheißen hatte. Dennoch quälte uns, wenn wir Leute entsprechenden Alters auf der Straße oder im Bus sahen, immer wieder die Frage, wer wohl an welchen Verbrechen beteiligt gewesen war.

Unsere ersten Eindrücke von Göttingen waren positiv, wir wurden sehr freundlich empfangen. Als wir in Göttingen ankamen, hatte der Eichmann-Prozess in Jerusalem gerade begonnen. Wir waren gespannt, wie man in Deutschland auf den Prozess reagieren würde. Jeden Abend wurde im Fernsehen ausführlich über die Verhandlung in Jerusalem berichtet. Wir befürchteten, dass manche Deutsche falsche Schlüsse aus dem Prozess ziehen, die Schuld an dem Massenmord ausschließlich einer kleinen Gruppe von führenden NS-Persönlichkeiten wie Hitler, Himmler und Eichmann sowie der SS zuweisen und die deutsche Bevölkerung insgesamt als unschuldig daran ansehen würden. Dagegen wirkte aber die ausgezeichnete dreizehnteilige Fernseh-Serie »Eine Nation steht vor Gericht«, die den historischen Hintergrund der Vernichtung der europäischen Juden untersuchte.

Quelle: Zwei Seiten der Geschichte, S. 144 f – Georg Iggers