Rückkehr Hamburg (1952)

Im Sommer 1952 waren wir mit dem zehn Monate alten Jeremy zum ersten Mal nach Europa geflogen und hatten Babynahrung und Wegwerf-Windeln für die ganzen sechs Wochen mitgebracht….

Am Tag unserer Ankunft in Hamburg erfuhren wir, dass am nächsten Nachmittag auf dem Ohlsdorfer Friedhof ein Denkmal für die zivilen Opfer der Großangriffe auf Hamburg eingeweiht werden sollte. Wir waren gespannt, was wir dort hören würden, und waren dann positiv überrascht. Wir fuhren mit der Straßenbahn durch das noch weitgehend zerstörte Barmbeck. Häuserfassaden von fünf- und sechsstöckigen Häusern ragten grotesk in die Luft. Die Verwüstungen in diesem damaligen Arbeiterviertel waren viel größer als in dem eher bürgerlichen Stadtviertel Eppendorf, wo fast keine Bomben gefallen waren. Die Absicht, die Moral der Bevölkerung zu brechen, war aber in Hamburg genau so kontraproduktiv gewesen wie 1940 in London. Hauptredner auf dem Ohlsdorfer Friedhof war der Erste Bürgermeister von Hamburg, Max Brauer, der vor 1933 Oberbürgermeister von Altona gewesen war und die Nazi-Jahre, nachdem er aus der Haft entlassen worden war, im Exil verbracht hatte. Er betonte, dass der Bombardierung von Hamburg die Zerstörung von Warschau, Rotterdam und Coventry durch die deutsche Luftwaffe vorangegangen war, und verwies auf die Vertreibung und Ermordung der Hamburger Juden. 1943, als die Bomben auf Hamburg fielen, seien die meisten Bewohner machtlos gewesen, aber viele hätten Mitschuld gehabt am Bestand des Nazi-Regimes. So klare Worte hatten wir nicht erwartet. Wir sprachen nachher mit mehreren Menschen, die alle mit Brauer übereinstimmten. Am nächsten Morgen besuchte ich den Geschichtsunterricht in einem Gymnasium in St. Georg. Der Lehrer, mit dem ich mich länger unterhielt, ein Schüler des liberalen katholischen Historikers Franz Schnabel, der in der NS-Zeit Schreib- und Lehrverbot gehabt hatte, machte einen sehr positiven Eindruck auf mich. Anders die Wirtin in der Pension, wo wir wohnten, die wissen wollte, ob ich bereit gewesen wäre, gegen Deutschland zu kämpfen, und nicht einsehen wollte, dass Deutschland im Unrecht gewesen war.

(Iggers, Zwei Seiten der Geschichte, S. 142 f – Georg Iggers)