Chicago: Beginn Graduate Studium und Plan einer Weltsprache

Am Ende des Frühjahrssemesters 1944 brauchte ich nur noch zwei Kurse zur Erlangung des Bachelor of Arts. Die Universität erlaubte mir, diese beiden Kurse während des Sommers an der Universität Chicago zu belegen, wo ich auch mein Graduiertenstudium beginnen wollte. Statt der normalen vier Jahre, die für den Bachelor-Abschluss vorgesehen waren, hatte ich nur zwei gebraucht. Dies war möglich geworden, weil mir erlaubt worden war, mehr als die üblichen fünf bis sechs Veranstaltungen im Semester zu belegen.

Anfang Juni 1944 verließ ich Richmond, um in Chicago mit dem »Graduate«-Studium anzufangen. Ich wollte vergleichende Sprachwissenschaften studieren, um mich auf meinen Plan vorzubereiten, eine künstliche Weltsprache zu konstruieren. Diese sollte logischer konstruiert sein als Esperanto und darum auch leichter zu erlernen. Ich kam nach Chicago mit viel Zuversicht und Selbstbewusstsein, die aber nicht von Dauer waren. Mit siebzehn Jahren war ich in mancherlei Beziehung meinen Altersgenossen weit voraus, andererseits aber sehr unreif und schrecklich naiv…..

Trotz manch nachteiliger Erfahrung im German Department gestaltete sich mit der Zeit mein Leben in Chicago in vielerlei Hinsicht recht angenehm. Während des ersten Jahres wohnte ich im International House, wo ich sehr bald Studenten unterschiedlicher Herkunft traf: deutsch-jüdische Emigranten, Lateinamerikaner, amerikanische Juden und amerikanische Schwarze, mit denen ich mich anfreundete. Ich war arm wie eine Kirchenmaus, aber das machte mir nichts aus. Zusätzlich zu meinem Stipendium, das für meine Studiengebühren und bisweilen auch für das Zimmer im International House aufkam, bekam ich von meinen Eltern nur einen Dollar pro Woche. Bald nach meiner Ankunft verschaffte mir mein Zimmernachbar und Freund Walter Levy, ein Flüchtling aus Königsberg, einen Job in der Mensa des Hutchinson Commons. Das war ein Glück; denn anders als später in New York musste ich so nie hungern. In der Mensa wurden auch Studenten eines Armeeprogramms verpflegt, die intensiv Chinesisch und Japanisch lernten. Unter den Armee-Studenten waren auch einige deutsche Flüchtlinge, darunter auch Stefan Brecht, der Sohn von Bertolt Brecht, Franz Schurmann und Steven Jaroslowski. Schurmann wurde später ein berühmter Sinologe, der eine bedeutende Rolle im akademischen Widerstand gegen den Vietnamkrieg spielte. Jaroslowski, kein Marxist, wurde ein reicher Finanzier.

Quelle: Zwei Seiten der Geschichte, S. 80 ff – Georg Iggers