Emigration

Am 5. Oktober, Jom Kippur, erhielten wir das Visum, und am 7. Oktober fuhren wir mit der Bahn nach Holland.

Wir konnten wenig mitnehmen, nur eine Kiste, die unter Aufsicht von Zollbeamten verpackt und uns nachgeschickt wurde. Wir fuhren mit der MS Champlain der French Line aus Southampton, weil diese noch deutsche Währung akzeptierte und uns auch ein kleines Bordgeld in Dollar auszahlte. Allgemein durfte man nur zehn Reichsmark ausführen. Von Hamburg fuhren wir zuerst nach den Haag, wohin meine Tante Martha und mein Onkel Siegfried im Frühjahr emigriert waren. An der Grenzstation Bentheim wurden wir noch einer Schikane ausgesetzt. Wir mussten aussteigen, unsere Koffer wurden durchwühlt, und der Puppe meiner Schwester wurde der Kopf abgerissen, um zu sehen, ob dort Devisen versteckt waren, bevor wir weiterfahren durften. Wir verbrachten den Sabbat bei meiner Tante und meinem Onkel. Alle ihre Kinder waren da; Gerschon war aus Palästina gekommen. Auch die christliche Haushälterin der Familie, die seit 1913 bei ihr gedient hatte, war aus Hamburg angereist. Am Samstagabend fuhren wir dann weiter nach Woking, südlich von London, wo mein Onkel Ernst und seine Familie ein größeres Haus besaßen. Es war überfüllt mit neu angekommenen Flüchtlingen. Onkel Ernst hatte alle möglichen Leute aus Deutschland als Hausangestellte untergebracht oder ihnen entsprechende Stellen vermittelt, weil das damals eine der wenigen Möglichkeiten war, eine Einreisebewilligung nach England zu bekommen.

Eine Woche später ging es dann weiter nach New York, wo wir am 20. Oktober landeten. Wir wurden in einer Wohnung in Washington Heights im Nordwesten Manhattans untergebracht, wo viele Emigranten aus Deutschland sich seit 1933 angesiedelt hatten, so dass man auch spaßhalber vom Vierten Reich oder von Frankfurt on the Hudson sprach. Wir bewohnten zwei Zimmer bei einer Emigrantenfamilie und konnten dort auch preisgünstig mit essen. Die Familie Mela, die in einem vornehmen Vorort von New York wohnte, nahm meine achtjährige Schwester zu sich und meldete sie unter dem Namen Lena Iggers an, weil - so erklärten sie meinen Eltern - der Name Igersheimer zu unamerikanisch klinge.

(Zwei Seiten der Geschichte, S. 65 f – Georg Iggers)