DDR-USA: wissenschaftliche Gespräche unter Historikern

Ab 1982 gelang es mir, regelmäßig Wissenschaftler aus der DDR in die USA einzuladen und in Buffalo deutsch-deutschamerikanische Gespräche zu organisieren. 1977 wurde die Western Association of German Studies (WAGS) gegründet, ursprünglich als regionaler Verband von Historikern, Germanisten, Politologen und anderen Wissenschaftlern im Westen der Vereinigten Staaten und in Kanada, die sich mit Themen der deutschsprachigen Welt beschäftigten. Unter der Leitung von Gerald Kleinfeld an der Arizona State University entwickelte sich der Verband sehr rasch, so dass Wissenschaftler aus ganz Nordamerika, der Bundesrepublik und Österreich zu den alljährlichen Kongressen des Verbandes kamen, der sich ab 1983 German Studies Association (GSA) nannte. Kleinfeld gründete auch eine wichtige Zeitschrift, die »German Studies Review«. 1981 schlug ich ihm vor, auch Wissenschaftler aus der DDR zu den Kongressen einzuladen. Er willigte gern ein und bat mich, die Einladungen zu organisieren. WAGS sei bereit, alle Kosten innerhalb der USA zu übernehmen, falls die Institute in der DDR den transatlantischen Flug finanzierten….

Am 4. Oktober 1982 kamen Schleier und Küttler nach Buffalo und wohnten bei uns. Wir veranstalteten in dem großen Wohnzimmer eines Kollegen einen Diskussionsabend mit ungefähr vierzig Anwesenden. Das Thema hieß: »To Be an Historian in the GDR« (etwa: »Was bedeutet es, als Historiker in der DDR zu arbeiten«). Beide trugen vorab ihre Ausarbeitungen für El Paso vor, in denen Küttler über Forschungsergebnisse der DDR-Geschichtswissenschaft seit 1970 und Schleier über die Struktur von Forschung, Lehre und Planung in der Geschichtswissenschaft der DDR berichtete. Da die Referate offensichtlich vorher gemeinsam abgestimmt worden waren, enthielten sie wenig Neues. Dann jedoch wurde es spannend, als mein Buffaloer Kollege für Deutsche Geschichte, William S. Allen, die Frage stellte, wie sich Forscher in der DDR verhalten würden, wenn sie wie Henry Turner empirische Quellen zur Verfügung hätten, aus denen hervorginge, dass der größte Teil der Finanzierung der NSDAP 1932 tatsächlich aus Mitgliederbeiträgen und nicht aus Spenden des Finanzkapitals bestanden habe. Küttler und Schleier sprachen darauf ganz sachlich und offen über die Möglichkeiten und politischen Grenzen empirisch fundierter Quellenforschung in der DDR. Küttler war, wie aus dem Bericht, den er zu Hause einreichen musste, hervorgeht, mit dem Verlauf des Abends zufrieden. Er räumte ein: »Vorbehalte wurden hinsichtlich der Parteilichkeit der marxistischen Geschichtswissenschaft und des Fehlens eines Theorienpluralismus deutlich«, setzte aber hinzu, »dass eine klare, offene und konsequente Darlegung unserer Positionen jeweils auch respektiert wurde.«

Ich nahm die beiden auch zu einer Versammlung der National Association for the Advancement of Colored People mit, wo sie korrekt, aber auch kritisch empfangen wurden und wo die Verletzungen der Menschenrechte in der DDR offen angesprochen wurden. Küttler erwähnte auch dies in seinem Bericht: »Neben vielem Interesse kamen spontane Vorurteile gegen die DDR (Grenzsicherungsmaßnahmen, Teilung Deutschlands) zum Ausdruck.«

Quelle: Iggers, Zwei Seiten der Geschichte, S. 204 ff