DDR-Historiker

Anfang Februar 1990 fuhr ich von Buffalo nach Ostberlin, wo die außerordentliche Versammlung des Historikerverbandes der DDR tagen sollte, um sich mit der politischen Umwälzung zu befassen. Nur Mitglieder waren zu der Versammlung zugelassen. Es gelang weder Küttler noch Berthold, Heinrich Scheel, den Präsidenten des Verbandes, dazu zu bewegen, für mich eine Ausnahme zu machen. Ich ging trotzdem hin, und als ich vor dem Eingang der Parteihochschule stand, ließ mich Scheel doch hinein, bat mich aber, mich in eine Ecke zu setzen, wo mich niemand sehen würde. Ich versuchte, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten, konnte aber nicht verhindern, doch sofort von Leuten entdeckt zu werden, die mich kannten. Scheel eröffnete die Versammlung mit der Bemerkung, dass es gut sei, dass die Diktatur zu Ende sei, dass die Geschichtswissenschaft der DDR trotzdem viel geleistet habe, aber zukünftig nie mehr »Magd der Politik« werden dürfe. Stefan Wolle, ein junger Historiker aus der Akademie, stand darauf hin auf und sagte zur Empörung des Publikums, die Rede höre sich an, als ob die Dirnen und Zuhälter vom Strich einen Sittlichkeitsverein gründen wollten. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der etablierten Historiographie der DDR kam es in dieser Versammlung aber nicht; dafür war es wohl noch zu früh. Stefan Wolle war bald darauf Mitbegründer der »Vereinigung unabhängiger Historiker«, die die politische und moralische Integrität der Historiker der DDR öffentlich in Zweifel stellte.

Quelle: Zwei Seiten der Geschichte, S. 227 – Georg Iggers